Lehrer BLOG von POLARSTERN Expedition ARKXXIII/3
Aus dem hohen Norden berichtet der Mathematiklehrer Rainer Isbert regelmäßig über die Ereignisse an Bord von POLARSTERN auf ihrer 23. Arktisreise in die Ostsibirische See. Lesen Sie mehr über den Autor.
Donnerstag, 21. August 2008
Polarstern 74°N 96°W
Autor: Rainer Isbert
An Bord der Polarstern hat sich langsam die Bordroutine eingestellt. Da wir inzwischen die Nordwestpassage erreicht haben – soeben ist Resolute Bay querab – sind auch die gelegentlichen Schläge an die Bordwand, die von Eisschollen herrühren, Normalität geworden. Wir kommen an den Orten vorbei, an denen sich vor 160 Jahren (1845-48) die Tragödie der legendären Franklin-Expedition ereignet hat, der alle 134 Teilnehmer – auch aufgrund einer Lebensmittelvergiftung – zum Opfer fielen. Es herrscht inzwischen richtig Winter mit Schneefall und etwas unter Null Grad Luft-, aber auch Wassertemperatur.
So langsam kennt man auch die Mitglieder der anderen Arbeitsgruppen und deren Aufgaben. Beispielsweise Claude, er ist Biologe und zählt in halbstündigen Intervallen alle Vogelarten und Säugetiere, die er sehen kann, um zusammen mit Wassertemperatur und Salzgehalt Rückschlüsse auf die Nahrungssituation dieser Fauna im hohen Norden zu erhalten. Er war schon im vorigen Fahrtabschnitt dabei und misst bereits seit Reykjavik. Oder Mark, ein Paläobotaniker. Er hat auf dem obersten Deck des Schiffes, dem Peildeck, eine Pollenfalle installiert, der er jeden Tag die gefangenen Pollen und Sporen entnimmt um sie zu bestimmen. Zusammen mit der Position und der Windrichtung, kann man ihre Herkunft bestimmen.
Heute Vormittag war die erste „Station“ – so nennt man es, wenn das Schiff stoppt für eine Messung. In diesem Fall haben die Geologen auf drei verschiedene Arten das Sediment des Meeresbodens z.B. durch den Kastengreifer herauf gezogen, um Proben zu erhalten, mit deren Hilfe man einen Blick in die erdgeschichtliche Vergangenheit tun kann. Inzwischen sind wir so weit nördlich, dass die Telephon- und Emailverbindung nur noch eingeschränkt funktioniert und auch teuer ist. Es könnte also sein, dass die aktuellen Berichte seltener Erscheinen werden.
Grüße aus der Nordwestpassage!
Rainer Isbert
Fotos: R. Isbert
Dienstag, 19. August 2008
Polarstern 67°N 57°W
Mein Name ist Rainer Isbert und ich bin hier „der Lehrer“ an Bord der Polarstern. Unsere Reise begann in Reykjavik am 12.August abends gegen 20 Uhr UTC und wird uns einmal um die Welt führen. Im Augenblick sind wir in der Davisstraße zwischen Grönland im Osten und der Baffin Insel im Westen. Inzwischen haben wir auch den Polarkreis überquert, eine Taufe fand aber noch nicht statt.Unser eigentliches Fahrtziel haben wir noch lange nicht erreicht, da wir hauptsächlich in der Ostsibirischen See messen werden. Um dorthin zu gelangen, steuern wir jetzt die Nordwestpassage, nördlich durch Kanada und um Alaska herum an, um später nördlich von Sibirien wieder zurück nach Deutschland zu fahren. Eine 10 Wochen lange Reise, die so von der Polarstern noch nie durchgeführt wurde, da sie zum ersten mal diese Passage durchfährt.Bis dahin werden Geräte getestet und es gibt für die meisten noch nicht soviel zu tun.
Hauptaufgabe der Expedition ist es, mit seismischen Methoden den Meeresboden bis in eine Tiefe von 6000m unter dem Meeresgrund zu erkunden, um die erdgeschichtliche Vergangenheit der Kontinentalschelfe im hohen Norden bestimmen zu können. Diese Aufgabe übernimmt die Gruppe der Geophysiker an Bord, die aus 10 Personen besteht, darunter auch der Fahrtleiter W. Jokat und auch ich selbst. Zum Messverfahren folgt später noch mehr. Eine zweite Arbeitsgruppe kommt aus der Geologie. Sie will u.a. an interessanten Stellen mit Hilfe von bis zu 12m langen Hohlzylindern Bohrkerne aus dem Meeresboden ziehen, um ebenfalls Aussagen über die geologische Vergangenheit (mehrere 100.000 Jahre) zu erhalten.Weitere Arbeitsgruppen kommen aus der Ozeanographie zum Erkunden der aktuellen Meeresströmungen und aus der Biologie, um bestimmte Fragen zur Verbreitung von Fauna und Flora in der Arktis beantworten zu können. Insgesamt sind neben der Besatzung des Schiffes (45 Personen), 42 Wissenschaftler, ein Techniker, ein Journalist und ein Lehrer an Bord.
Es arbeiten, wie gesagt bisher nur einige Gruppen mit voller Kraft, sodass man sich der Beobachtung von Walen, Seevögeln oder den ersten Eisbergen, sowie dem ausgezeichneten Essen und den daraus folgenden Gewichtsproblemen an Bord widmen kann.
Nur die Gruppe der Geophysiker hatte in dieser ersten Woche kräftig zu tun. Neben Auspacken und Einrichten der vielen Geräte gehörte dabei vor allem das erstmalige Ausfahren eines 3000m langen Streamers dazu, was für uns etwa 12 Stunden Arbeit am Stück bedeutete. Im Prinzip ist ein Streamer eine Anordnung von einigen tausend Hydrophonen (Mikrophonen) in einem Kabel, die die Aufgabe haben, Schallwellen, die von Luftpulsern, den sogenannten Guns, erzeugt werden und vom Meeresboden und den tieferliegenden Bodenschichten reflektiert werden, aufzufangen, sodass man aus den unterschiedlichen Laufzeiten ein Schichtprofil erhalten kann.
Rainer Isbert


